Im Krieg gegen die mehrheitlich kurdische Enklave Afrin im Nordwesten Syriens soll die türkische Armee wiederholt Chemiewaffen verwendet haben. »Sie haben Chlorgas eingesetzt«, bestätigte der ehemalige Vorsitzende und derzeitige Sprecher der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), Saleh Muslim, am Montag im Gespräch mit junge Welt die Vorwürfe gegen Ankara. »Das Chlorgas wurde im Gebiet um Shiye eingesetzt, in der Nähe von Rajo. Sie setzen diese Waffen weiter ein, und sie haben sie zuvor eingesetzt, nämlich bei Bilbile.«

Den Vorfall bestätigte gegenüber jW am Montag auch der behandelnde Arzt des Krankenhauses Afrin, Dr. Ciwan Efrin. »Bei uns wurden Zivilisten eingeliefert, die Symptome einer Chlorgasvergiftung aufwiesen. In dem entsprechenden Gebiet wurden auch Proben entnommen, um den Einsatz der chemischen Waffen nachzuweisen.« Sechs Menschen seien betroffen. Die Zivilisten hätten ausgesagt, dass das Gas nach Artilleriebeschuss von einem türkischen Grenzposten namens Siciye ausgetreten sei, erzählt der kurdische Arzt.

PYD-Vertreter Saleh Muslim spricht sich zur restlosen Klärung des Vorfalls für eine internationale Untersuchung aus: »Die Gegend, in der das geschehen ist, steht allen offen, die eine Untersuchung zu dem Vorfall durchführen wollen.« Westliche Staaten allerdings signalisieren bislang entgegen ihrer sonstigen Praxis bei Anschuldigungen wegen des Einsatzes von Chemiewaffen kaum Interesse: Die Bundesregierung äußerte sich überhaupt nicht, Washington gab gegenüber der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zu Protokoll, man halte den Einsatz von Giftgas durch Ankaras Truppen für »äußerst unwahrscheinlich«. Dabei wäre die Verwendung derartiger Waffen durch die beteiligten Kriegsparteien kein Novum: Ankara wurde im Verlaufe des Krieges gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach des illegalen Einsatzes von Chemiewaffen bezichtigt – in zumindest einem Fall im Jahr 1999 gilt er als nachgewiesen. Zudem kooperiert die Türkei bei ihrem Angriff auf Afrin mit einer aus diversen dschihadistischen Milizionären zusammengesetzten Hilfsarmee. Gruppen wie der »Islamische Staat« oder Hai’at Tahrir Al-Scham sind im Besitz von chemischen Waffen.

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