Über die Strukturen und ersten Erfolge des Cat Kurierkollektivs

Das Cat Kurierkollektiv hat sich 2020 gegründet, um in Halle (Saale) einen selbstorganisierten Fahrradkurierdienst zu betreiben. Über die Gründung haben wir in der letzten Verteilzeitung zum 1. Mai berichtet. Nun ist ein Jahr vergangen und wir fragen uns, wie es dem Kollektivbetrieb geht, was im letzten Jahr passiert ist und wie die Aussichten in diesem Jahr sind. Ein Interview mit Esther aus dem Kollektiv.

DA: Du bist von Anbeginn Mitglied im Cat Kurierkollektiv und seit 4 Jahren Fahrradkurierin. Wie ist die aktuelle Stimmung im Kollektiv?

E: Die Stimmung ist ganz gut. Mit dem Frühling kommt die gute Laune und auch das Fahrradfahren wird bei dem Wetter wieder angenehmer. Im Kollektiv sind wir weiterhin bemüht und motiviert. Immer noch kommen Dinge hinzu, die wir uns neu beibringen. Buchhaltung, Bewerbung unseres Betriebs und Arbeitskoordination sind fortlaufende Aufgaben, die erledigt werden müssen. Dazu kommen Öffentlichkeitsarbeit und Kundenakquise, die wir derzeit stärker forcieren. Mit neuem Werbematerial fragen wir Firmen und Büros an und sind neuerdings mit ein paar Restaurants in Verhandlung. Das erfordert viel Zeit und etwas Übung. Schließlich wollen wir mit unserem Service überzeugen und dabei professionell auftreten. Wir wagen uns da Schritt für Schritt näher heran.

DA: Und wie schätzt du die Situation für dich ein? Ist es schwer diese Prekarität, die am Anfang eines solchen Vorhabens steht, auszuhalten?

E: Noch bin ich in einer sehr privilegierten, finanziell-abgesicherten Position als Studentin. Dennoch müssen wir alle unsere Lebensgrundlage sichern können und brauchen dazu Lohnarbeit oder Förderung. Mit CAT können wir uns noch nicht unseren Lebensunterhalt verdienen. Die Jonglage von Studium, Arbeit, Betriebsgründung und Freizeit ist schon eine Herausforderung. Bei einigen kommt noch die Familiensituation mit Kindern dazu. Ich habe manchmal das Gefühl, ich mache alles nur halb und nebenbei. Auf der einen Seite ist genau das die Chance, etwas aufzubauen, eben weil man abgesichert ist und es parallel laufen lassen kann. Auf der anderen Seite ist es dadurch langwieriger und dieser prekäre Zustand zieht sich hin – wir müssen, ob wir wollen oder nicht, eben auch am kapitalistischen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt teilnehmen. Da sträubt sich mein Inneres schon immer wieder dagegen.

DA: Hat sich diese Situation seit der Gründung geändert?

E: Ich glaube, ich habe überschätzt, wie lange sich so ein Prozess von Gründung und Aufbau in die Länge zieht. Bisher haben wir viel Zeit in die Organisation interner Strukturen und Abläufe und in die Vernetzung mit anderen Kollektivbetrieben gesteckt (zum Glück!) und uns mit verschiedensten Programmen und Software vertraut gemacht. Da quasi alles learning-by-doing stattfindet, nimmt das auch mehr Zeit in Anspruch, wird dafür meiner Meinung nach aber auch auf nachhaltigere Weise verinnerlicht. Wir erfahren alles selbst indem wir es hinterfragen, diskutieren und uns beratschlagen. Das erfordert Geduld, ist aber ein lohnenswerter Lernprozess. Natürlich ist es dann cool, sich bewusst zu machen, was wir schon aufgebaut und geschafft haben. Dass wir unsere laufenden Kosten deckeln können, dass wir fast jeden Tag mit dem Rad auf der Straße unterwegs sind und uns jetzt zum zweiten Mal Einkommen ausgezahlt haben. Das ändert aber nichts daran, dass sich seit der Gründung finanziell noch nicht viel geändert hat. Die Veränderungen, die bisher stattgefunden haben und vorangetrieben worden sind, sind nach außen hin nicht so sichtbar und deutlich, wie der Umsatz unserer Jahresbilanz auf Papier. Allem voran ist unsere Hauptaufgabe deshalb die Kundenakquise. Kurzum, wir sind weiter gewachsen und haben den Organisationsprozess vorangetrieben, müssen uns jedoch leider auch stärker am kapitalistischen Wettbewerb beteiligen, um uns auf dem Markt zu behaupten. Das ist nicht gerade unsere Stärke, würde ich sagen!

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