Eine Verkürzung der Arbeitszeit würde nicht nur das Wohlbefinden der Beschäftigten steigern, sondern wäre auch gut fürs Klima. Eine Diskussion darüber kommt in der Schweiz gerade in Fahrt.

Am 9. April versammelte sich im ganzen Land ein auf den ersten Blick überraschendes Bündnis von Klimastreikenden, Gewerkschafter:innen und Frauenbewegten zum «Strike for Future». Ihre Forderung: eine massive Reduktion der Erwerbsarbeitszeit. Auch wenn es nicht zum erhofften Grossaufmarsch kam, sei es dennoch «ein wichtiger Anfang» gewesen, sagt Tiziano De Luca vom Klimastreik.

Für den Klimastreik ist eine «radikale Arbeitszeitverkürzung» bei vollem Lohnausgleich für tiefe und mittlere Einkommen aus mehreren Gründen zentral: Sie ist Voraussetzung für die Abkehr von einer «klimaschädlichen Überproduktion» hin zu einem Wirtschaftssystem, in dem nur so viel produziert wird, wie die Menschen auch wirklich brauchen. Wer mehr Freizeit hat, so die Hoffnung, konsumiert weniger. Man kauft zum Beispiel keine klimaschädlichen Fertigprodukte, sondern nimmt sich Zeit zum Kochen. Zudem fallen bei der notwendigen ökologischen Umgestaltung der Wirtschaft viele Arbeitsplätze weg; auch um Arbeitslosigkeit zu verhindern, brauche es also eine Arbeitszeitreduktion.

Radikal oder pragmatisch?

Für den Klimastreik ist die Forderung nach einer Arbeitszeitreduktion aber auch ein Mittel, um die strategische Partnerschaft mit der Frauenbewegung und den Gewerkschaften zu stärken. Denn für den angestrebten gesellschaftlichen Wandel braucht die Bewegung starke Bündnispartner:innen. Die Frauenbewegung fordert eine massive Arbeitszeitreduktion, weil damit unbezahlte Arbeit, die immer noch mehrheitlich von Frauen geleistet wird, gerechter verteilt werden könnte. Für die Gewerkschaften wiederum ist die Arbeitszeitreduktion seit jeher eine zentrale Forderung (vgl. «Der Achtstundentag als Befriedungsmassnahme» im Anschluss an diesen Text).

«Beim Kampf um die Arbeitszeit waren wir in den letzten Jahren in der Defensive», sagt Vania Alleva, Präsidentin der Unia. So habe sich die Gewerkschaft mit über zwanzig Referenden gegen die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten gewehrt. Denn länger geöffnete Läden bedeuten für das Verkaufspersonal: noch mehr Flexibilität, noch mehr dann arbeiten, wenn andere frei haben. Auch sei die Unia bei Verhandlungen um neue Gesamtarbeitsverträge immer wieder mit Forderungen nach der Aufweichung fester Arbeitszeiten konfrontiert gewesen. «Nun wollen wir in die Offensive und planen Arbeitszeitkampagnen in den einzelnen Branchen», sagt Alleva. «Es geht dabei auch darum, dass die grossen Produktivitätsgewinne der letzten Jahre an die Beschäftigten weitergegeben werden.»

Zwischen den Vorstellungen des Klimastreiks und der realen Politik der Gewerkschaften gibt es allerdings riesige Unterschiede: Während der Aktionsplan des Klimastreiks von einer radikalen Verkürzung auf eine 24-Stunden-Woche ausgeht, stehen bei den Gewerkschaften, auch aufgrund ihrer eher schwachen Verankerung in vielen Branchen, pragmatische Überlegungen im Vordergrund. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn es künftig für alle Beschäftigten möglich wird, Teilzeit zu arbeiten. Eine reale Arbeitszeitreduktion um ein, zwei Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich würde als grosser Erfolg gefeiert.

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