Anstatt Geflüchteten eine Aussicht auf faire Arbeitsbedingungen zu bieten, versuchen deutsche Arbeitgeber, sie für die prekärsten Jobs in der Logistik, Pflege und Landwirtschaft zu rekrutieren. Das ist schäbig und verantwortungslos.

Mehr als 4 Millionen Menschen haben seit Beginn des Krieges die Ukraine verlassen, etwa 90 Prozent sollen Frauen und Kinder sein. Diese Ziffer wird fortlaufend nach oben korrigiert werden müssen. Wie viele noch flüchten werden, wohin und für wie lange, wissen wir nicht. Das hängt von der Dauer und dem Ausgang des Krieges ab. Deutschland erlebt ein böses Erwachen in der außenpolitischen Realität und ist gezwungen, seine Verteidigungspolitik neu auszurichten.

Alte Reflexe bleiben freilich erhalten. Hat da jemand »Flüchtlingskrise« gesagt? In der vierten Kriegswoche lieferte sich die deutsche Wirtschaft an der polnisch-ukrainischen Grenze schon mal einen Wettlauf um die neue Humanressource. Deutschlands rasende Honorarbotschafter hielten direkt vor Ort Ausschau nach verwertbaren Skills und schoben den erschöpften Frauen in den Erstunterkünften Arbeitsverträge unter die Nase – nach dem Prinzip »Unterschreibst du hier, nehme ich dich mit«. Die Mitarbeitenden des Großschlachters Tönnies mussten allerdings unverrichteter Dinge wieder abreisen: Der miserable Ruf ihres Arbeitgebers eilte ihnen sogar bis dorthin voraus. Sie wurden von örtlichen Flüchtlingshelferinnen beschimpft und verjagt. Doch Tönnies soll nicht der einzige Arbeitgeber vor Ort gewesen sein. Derweil werden auf Vermittlungsportalen für ukrainische Geflüchtete nicht nur Programmier und Pflegekräfte rekrutiert, sondern auch Fahrradkuriere für Firmen wie zum Beispiel Gorillas, die jüngst mit schlechten Arbeitsbedingungen und aggressivem Union Busting auf sich aufmerksam machten.

Keine Frage: Sicherlich gibt es auch viele Arbeitgeber, die ihre Angebote in erster Linie aus ehrlicher Hilfsbereitschaft unterbreiten. Und die Möglichkeit, mit der eigenen Arbeit Geld zu verdienen, um die Familie in der Heimat zu unterstützen oder das durch russische Bomben zerstörte Haus wieder aufzubauen, ist für viele Betroffene eine echte Hilfe. Richtig ist auch, dass die EU-Staaten allen Ukrainerinnen und Ukrainern den Aufenthalt und die Arbeitsaufnahme ohne bürokratische Einschränkungen erlauben. Ukrainische Geflüchtete betonen in Gesprächen immer wieder, dass sie möglichst niemandem auf der Tasche liegen möchten. Denn vielen scheint auch klar zu sein, dass die vermeintlich großzügige Aufnahme von Geflüchteten schnell zum Feigenblatt werden könnte, sobald Westeuropa Waffenlieferungen und Sanktionen nicht mehr opportun erscheinen.

Es gibt also in diesen Tagen wahrlich wichtigere Probleme als Arbeitsbedingungen und Ausbeutung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Und trotzdem sollte uns nicht egal sein, wo und wie ukrainische Geflüchtete arbeiten werden, solange sie hier sind. Denn die Erfahrungen osteuropäischer oder geflüchteter Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind in der jüngeren Vergangenheit – sehr vorsichtig gesagt – nicht immer positiv ausgefallen.

Die Pflege beklagt seit Jahren Personalmangel. Eine Lösung sieht die Branche aber offenbar weniger in besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen als in der Abwerbung ausländischer Fachkräfte, die offiziell als Hilfskräfte eingestellt, überarbeitet und mit dem Mindestlohn vergütet werden – oder noch nicht mal mit dem Mindestlohn. In der häuslichen Betreuung leisten osteuropäische Pflegerinnen oft mehrere Monate lang rund um die Uhr Pflegearbeit und Bereitschaftsdienst und werden für nur 30 oder 40 Stunden pro Woche bezahlt. Laut dem Branchenverband sind schätzungsweise 700.000 Frauen pro Jahr davon betroffen. Die offensichtliche Rechtswidrigkeit dieser Praxis wurde im letzten Juni vom Bundesarbeitsgericht per Grundsatzurteil verbrieft. Geändert hat das bislang nichts. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass ukrainische Frauen vor allem in der 24h-Stunden- Betreuung oder in Heimen mit Personalnot eingesetzt werden könnten. Gerade dort sind die Arbeitsbedingungen am schlechtesten. Der Bundesverband für häusliche Betreuung und Pflege warnt vor einer hohen Ausbeutungsgefahr und befürchtet, dass Ukrainerinnen gezwungen werden könnten, für »einen Bruchteil« des ohnehin niedrigen Lohnes zu arbeiten.

Die Ernte erledigten in Deutschland jahrelang Frauen und Männer aus Polen, später vor allem aus Rumänien. Bezahlt wird der Knochenjob oft im Akkord, häufig unter dem Mindestlohn. Leider seien diese Bedingungen selbst für die Rumäninnen und Rumänen allmählich »unattraktiv« geworden, konstatierten Bauernvertreter in den letzten Jahren immer wieder. Die Lösung? Im Rahmen bilateraler Vermittlungsabkommen mit Georgien und der Ukraine wurde nun Personal aus noch ärmeren Ländern herangeschafft, um an den alten Arbeitsbedingungen nichts ändern zu müssen. Eine dieser Arbeiterinnen war die Ukrainerin Viktoria Szolomka, die im Sommer 2020 auf einem bayrischen Gurkenhof arbeitete und sich dort mit Corona infizierte. Ihr Arbeitgeber, der es mit den Corona-Schutzregeln für seine Beschäftigten ohnehin nicht so genau genommen haben soll, meldete sie kurzerhand bei der Krankenversicherung ab, während sie mit schweren Nieren-, Herz- und Lungenproblemen monatelang im Krankenhaus lag.

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