Packerin Justine Medina erklärt, wie es gelungen ist, in Staten Island erstmalig in den USA eine Gewerkschaft bei Amazon zu erkämpfen

Der 1. April 2022 wird in die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung eingehen. In Staten Island (New York) stimmte die Mehrheit der Beschäftigten eines großen Amazon-Warenlagers für eine Gewerkschaft. Historisch ist dieses Resultat deshalb, weil es in den USA, wo das 1994 gegründete Unternehmen über eine Million Angestellte hat, bislang keinen einzigen Standort mit gewerkschaftlicher Vertretung gibt. Das liegt unter anderem daran, dass in den USA Gewerkschaften erst dann in einem Betrieb aktiv werden können, wenn mindestens 50 Prozent der dort Beschäftigten sich in einer Wahl für die Gewerkschaft ausgesprochen haben. Unternehmen in den USA verwenden daher viel Energie darauf, entsprechende Wahlen zu sabotieren, Aktive im Vorfeld zu feuern oder Arbeiter*innen einzuschüchtern, damit sie gegen eine gewerkschaftliche Vertretung ihres Betriebes stimmen. Wir sprachen wenige Tage nach der erfolgreichen Wahl mit Justine Medina, die in Staten Island zum engen Kreis der Organizer*innen gehört.

Es passiert nicht oft, dass eine Gewerkschaft so viel Aufmerksamkeit bekommt wie ihr gerade. Das Magazin Jacobin spricht vom »wichtigsten erfolgreichen Arbeitskampf seit den 1930er Jahren«. Du warst auf der Titelseite der New York Daily News, einer der größten Zeitungen des Landes. Wie fühlt sich das alles an?

Justine Medina: Als ich gestern zu Besuch bei einer der Starbucks-Filialen hier in der Stadt war, in der sich die Arbeiter*innen ebenfalls gewerkschaftlich organisieren, um meine Solidarität mit ihnen zu zeigen, haben die Leute plötzlich mein Gesicht erkannt – das ist schon ziemlich seltsam und surreal. Ich bin vor allem stolz auf all die Organizer*innen in Staten Island, die den Erfolg möglich gemacht haben, und fühle mich unglaublich geehrt, Teil von etwas zu sein, das die Welt verändert.

Inwiefern kann dieser Erfolg die Welt verändern?

Ich glaube, dass der Erfolg dieses Projektes die derzeitige Orthodoxie komplett auf den Kopf gestellt hat. Deutlich wurde, dass Gewerkschaften von den Arbeiter*innen selbst geführt werden müssen, nicht von Leuten außerhalb. Wir erleben eine radikale Basisbewegung. Und dann ist der Erfolg auch wegen Amazons Größe und Stellung bemerkenswert, weil das Unternehmen nun mal so zentral für die globale Versorgungskette ist.

Die bisherigen Versuche von Amazon-Beschäftigten, eine Gewerkschaft zu bilden, waren erfolglos. Was war bei dieser Kampagne anders?

Die Gründer der Amazon Labor Union (ALU), Chris Smalls und Derrick Palmer, habe die früheren Bemühungen studiert und daraus ihre Lehren gezogen: Gewerkschaftskampagnen sind dann erfolgreich, wenn sie von innen aufgebaut und von den Beschäftigten geleitet werden. In dem Fall von Leuten, die Amazon aus eigener Arbeitserfahrung kennen. Für Außenstehende ist es wirklich schwer, die spezifischen Bedingungen hier nachzuvollziehen. Auch mir ging das nicht anders, obwohl ich vorher viel über die Ausbeutung und Repressionen bei Amazon gelesen hatte. Das zu erleben, ist aber was anderes.

Die Gewerkschaftskampagne in Staten Island nahm im Frühjahr 2020 ihren Lauf, zu Beginn der Pandemie, als der von dir angesprochene Chris Smalls für mehr Arbeitsschutz protestierte und kurz darauf entlassen wurde. Ein Jahr später, im April 2021, gründete Smalls dann die ALU. Du hast im vergangenen September angefangen, im besagten Warenlager JFK8 zu arbeiten – und zwar mit dem expliziten Ziel, bei der Organisierung der Belegschaft zu helfen. Wie kam es dazu?

Eine Amazon-Arbeiterin wandte sich im Sommer 2021 an die Communist Party, deren Mitglied ich bin, weil sie Unterstützung suchte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Job, aber Erfahrung als politische Organizerin. Und weil mir die Bedeutung des salting bewusst war, habe ich mich beworben.

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