In den USA ist es zum ersten Mal gelungen, durch eine erfolgreiche Abstimmung eine Gewerkschaft in einem Amazon-Warenlager zu bilden. Die Berichterstattung darüber konzentriert sich auf den ALU-Präsidenten Christian Smalls. Erfolgreiche Organisationsarbeit geht aber nur im Team. Wie kamst du dazu?

Chris ist ein großartiger Gewerkschaftspräsident. Wie er hatten die meisten im Kollektiv zuvor keine Erfahrung mit gewerkschaftlichem Organizing. Ich selber mache das seit über zehn Jahren. Begonnen hatte ich als Spendensammlerin bei kleinen Nichtregierungsorganisationen und als Wahlhelferin für Mainstream-Demokraten. Occupy Wall Street radikalisierte mich. Ich trat den Democratic Socialists of America bei, 2020 trat ich der Communist Party of the United States (CPUSA) bei und beteiligte mich am Wiederaufbau des Jugendverbandes. Dadurch kam ich in Kontakt mit der ALU. Unterstützt von der Partei habe ich mich im vergangenen September gezielt bei Amazon anstellen lassen, um die Kolleginnen und Kollegen zu agitieren und die Gewerkschaft mit aufzubauen. Das letzte halbe Jahr hat mein Leben verändert. Anfangs dachte ich, okay, ich helfe da nur kurz aus. Aber nach diesem Sieg werde ich hier in der Amazon-Gewerkschaft über die nächsten Jahre weitermachen.

Es gab mehrere Versuche bei Amazon in den USA, eine Gewerkschaft aufzubauen, sie waren alle nicht erfolgreich. Was war dieses Mal anders?

Die Lehre aus den vergeblichen Versuchen der Vergangenheit war, dass eine Gewerkschaft wirklich aus dem Betrieb selbst heraus entstehen muss, dass sie zu 100 Prozent von den Lohnabhängigen selbst gewollt und aufgebaut werden muss. Wir waren auch nicht der Überzeugung, dass eine von außen kommende Gewerkschaftsbürokratie hilfreich sein könnte und sich den Lohnabhängigen im Werk verpflichtet fühlen würde. In dieser Hinsicht verstoßen wir gegen die Gewerkschaftsorthodoxie. Die versteht unter Organizing, professionelle Gewerkschaftsorganizer in einen Betrieb zu schicken und mit den Leuten zu sprechen. Das führt aber kaum zu einem soliden Aufbau von innen heraus. Genau das war ein Fehler bei zurückliegenden Organizing-Versuchen. Ein zweiter Unterschied war, dass wir uns nicht scheuten zu agitieren, den Bossen direkt zu widersprechen. Der herkömmliche Ansatz ist es, versöhnlicher zu wirken und den Ausgleich zu betonen.

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