Die Sexarbeiterin Ruby Rebelde über das »Hurenstigma«, Probleme von Prostituierten und ihr eigenes Engagement

Eine übliche Kritik an Organisationen wie Hydra e. V., die für eine allgemeine Legalisierung von Sexarbeit kämpfen, lautet: Ihr legitimiert Menschenhandel.

Kurz vorweg - ich hoffe, Sie verstehen das nicht als Bevormundung: Legalisiert ist Prostitution in Deutschland schon sehr, sehr lange. Unsere Forderung ist also nicht die Legalisierung, sondern die Entkriminalisierung von Sexarbeit, die Gleichstellung von Sexarbeitenden und der Abbau von allen Sondergesetzen für Sexarbeitende. Und die »Kritik«, die Sie ansprechen, ist ein großes Narrativ, was sich durch die gesamte Thematik zieht: die Gleichsetzung von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung mit konsensuell verrichteter Sexarbeit.

Diese Zuschreibung spricht einer ganzen Berufsgruppe die Entscheidungsfähigkeit ab, aus freien Stücken eine Dienstleistung anzubieten. So wird zum Beispiel behauptet, 90 oder 95 Prozent aller Prostituierten seinen Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Diese Zahlen sind erstens falsch. Zweitens ist hier vollkommen unterschlagen, dass Freiwilligkeit von Lohnarbeit immer eine Grauzone ist. Wenn Sie zum Beispiel nicht als Journalistin ihr Geld verdienen müssten, würden Sie dann jeden Artikel schreiben? Wissen Sie, was ich meine?

Absolut. Sie schreiben auf Ihrer Website, Ausbeutung sei »zentrales Moment jeder Lohnarbeit«. Damit muss man sich einfach nicht mehr auseinandersetzen, wenn man Sexarbeit zu dem »ganz anderen« erklärt. Das Problem ist dann nicht mehr das normale Übel der Ausbeutung, sondern ein moralisches Vergehen oder eben gleich Menschenhandel. Aber wie können denn Sexarbeitende einen Arbeitskampf organisieren - oder was steht dem im Weg?

Im Moment arbeitet das Prostituiertenschutzgesetz als paternalistischer »Schutz« gegen die Tatsache, dass Sexarbeiter*innen Rechte benötigen. Überhaupt haben Verbote, Einschränkungen und Repressionen noch nie zu Verbesserungen der Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen geführt. Betont werden muss auch: Vergewaltigung ist Vergewaltigung, egal ob sie einer Sexarbeiterin oder einer anderen Person angetan wird. Das ist eine Straftat. Sagt man aber, Sexarbeit sei an sich strukturelle Gewalt, macht das komplett unsichtbar, dass Sexarbeiter*innen auch Vergewaltigungen, Missbrauch oder sexuelle Übergriffe erleben können, genauso wie andere Menschen eben auch.

Wir bei Hydra treten für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit ein. Das verlangt einen transparenten Diskurs darüber, wo zum Beispiel Unwissen bei den Behörden besteht. Wenn im Prostituiertenschutzgesetz zum Beispiel festgelegt ist, dass die Deckenhöhe in einer Prostitutionsstätte so und so hoch sein soll und da so und so viele Toiletten vorhanden sein müssen, trägt das der Realität überhaupt nicht Rechnung, was für Sexarbeitende in ihren Prostitutionsstätten wirklich wichtig wäre. Also da sind die nicht gefragt worden zu der Deckenhöhe, bin ich mir sicher.

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