Nach anderthalb Jahren Corona-Pandemie ist die Lage in den Krankenhäusern noch katastrophaler als zuvor schon. Nun stehen für viele Mitarbeiter:innen der Kliniken die wichtigen Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst der Länder an. – Ein Interview mit Pflegerin Janina Henschel

Zu Beginn der Corona-Pandemie standen die Gesundheitsbeschäftigten sehr im öffentlichen Fokus. Viel wurde geklatscht für die „Corona-Held:innen“. Wie würdest du die aktuellen Bedingungen in der Pflege beschreiben? Was sind die größten Probleme, vor denen ihr als Arbeiter:innen dort steht?

Die letzte Information, die ich habe ist, dass mindestens 200.000 Pflegekräfte in Deutschland fehlen. Es gibt kaum eine Station, die mit einem weiteren Krankheitsfall zurecht kommt. Sobald eine Person im Dienst krank wird, dann sind wir unterbesetzt. Wir müssen doppelte Arbeit machen, auf anderen Stationen einspringen, aus unserer frei kommen, mehr als 12 Dienste am Stück machen. Es herrscht ein massiver Druck auf uns allen, körperlich und psychisch.

Die Corona-Pandemie hat uns extrem zugesetzt, es war anstrengend und zermürbend, es gab viele Pflegekräfte, die während dieser Zeit den Job hingeschmissen haben. Aber wir sind nicht erst seit zwei Jahren unterbesetzt, unterbezahlt und überarbeitet, dieses Problem besteht seit Jahrzehnten, und es wird seit Jahrzehnten nichts dagegen gemacht.

Das Problem ist, dass wir als Pflegekräfte nicht auf die Straße gehen und streiken. Und  dass wir dem Irrglauben verfallen sind, dass, wenn wir uns um Patient:innen kümmern, sich schon irgendjemand anders um unsere Bedürfnisse kümmert.

Vor kurzem hat die Tarifrunde der Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder begonnen. Die Gewerkschaft ver.di fordert fünf Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 150 Euro, für die Beschäftigten im Gesundheitswesen mindestens 300 Euro. Die Azubi-Vergütungen sollen um 100 Euro steigen. Sind die Forderungen aus deiner Sicht angemessen?

Die Tarifrunde wird nichts ändern. Es wird sicher eine minimale Lohnerhöhung geben, die ver.di wird sich wieder einmal als die große Gewinnerin hinstellen, und am Schluss werden wir ein bisschen mehr verdienen. Es kann im Kapitalismus aber keine angemessene Vergütung geben, und insbesondere das kapitalistische Gesundheitssystem macht da keine Ausnahme.

Es ist leider so, dass die Pflege ein höchst unattraktiver Berufsweg ist, und selbst ein- oder zweihundert Euro mehr ändern das nicht. Assistenzarzt:in in einem Krankenhaus zu sein, ist bei weitem kein Zuckerschlecken, aber Ärzt:innen wollen viele, viele Menschen werden. Die Bezahlung ist etwas besser, aber vor allem das gesellschaftliche Bild ist viel besser.

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