Israel hat die dritte Impfung gegen Corona bereits freigegeben, die USA wollen bald folgen, und auch die EU bereitet sich darauf vor. Dabei ergibt die aktuelle Datenlage keinerlei Notwendigkeit für eine solch rasche Auffrischimpfung.

Die Diskussion um eine dritte Impfung für die breite Bevölkerung nimmt Fahrt auf. Anfang Woche gab die Europäische Arzneimittelagentur bekannt, sie beschleunige die Prüfung einer solchen Auffrischimpfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff. In Israel ist der «Booster-Shot», wie die Pharmafirmen es gerne labeln, bereits seit Ende August für sämtliche Personen ab zwölf Jahren eingeführt. Und die US-Regierung hat angekündigt, so rasch wie möglich nachziehen zu wollen.

Dieser politische Entschluss hat nun zu Verwerfungen geführt. Letzte Woche gaben zwei der ranghöchsten VertreterInnen der US-Regulierungsbehörde FDA ihren Rücktritt bekannt: Marion Gruber und Philipp Krause begründeten diesen Schritt gemäss der «New York Times» damit, dass die aktuelle Datenlage nicht ausreichend sei, um eine dritte Impfung zu rechtfertigen.

Diese Ansicht vertritt auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Zum heutigen Zeitpunkt ist aus den verfügbaren wissenschaftlichen Daten nicht klar, wann für wen eine Auffrischimpfung nötig wäre», schreibt das BAG auf Anfrage. Eine dritte Impfdosis werde aktuell nur schwer immungeschwächten Personen verabreicht, um so einen möglichst guten Immunschutz überhaupt erst herzustellen. Das sei nicht gleichzusetzen mit einer Auffrischimpfung für die breite Bevölkerung. Gemäss der zuständigen Schweizer Behörde Swissmedic liegt derzeit übrigens noch kein Zulassungsgesuch für eine Auffrischimpfung von Biontech/Pfizer und Moderna vor, deren Impfstoffe in der Schweiz für zwei Impfungen zugelassen sind.

Was heisst Wirksamkeit überhaupt?

Das wichtigste Argument für eine Auffrischimpfung sind Berichte über eine abnehmende Wirkung der Impfstoffe. Sie stammen nicht zuletzt von den Pharmafirmen selbst: So empfahl etwa Moderna Anfang August explizit eine dritte Impfung – weil die Wirkung des eigenen Impfstoffs nach sechs Monaten nachlasse. Albert Bourla, CEO von Pfizer, brachte die Auffrischimpfung bereits im April ins Spiel.

Wie lukrativ ein solcher «Booster»-Markt ist, legte kürzlich die Nachrichtenagentur Reuters dar: Biontech/Pfizer und Moderna dürften künftig Milliarden von US-Dollar mit Auffrischimpfungen einnehmen, FinanzanalystInnen gehen von einem Markt aus, «der in den kommenden Jahren mit den sechs Milliarden US-Dollar Jahresumsatz für Grippeimpfstoffe konkurrieren könnte». Überhaupt profitieren die beiden Pharmafirmen massiv von ihren neuen mRNA-Impfstoffen, die wesentlich auf öffentlich finanzierter Forschung basieren (siehe WOZ Nr. 7/2021): Bis 2022 besitzen Biontech/Pfizer und Moderna gemäss Reuters vertraglich gesicherte Vereinbarungen im Umfang von über sechzig Milliarden US-Dollar.

Für Patrick Durisch, Spezialist für Gesundheitspolitik bei Public Eye, liegt hier «ein klarer Interessenkonflikt» vor. «Die Pharmafirmen sitzen am längeren Hebel, zumal diese Firmen ja auch über exklusive und riesige Datensätze verfügen. Das ermöglicht ihnen, mit der Angst der Behörden zu spielen», so Durisch. «Die Rede von einer abnehmenden Wirkung des Impfstoffs klingt erst mal besorgniserregend. Da wollen viele Regierungen vorauseilend lieber kein Risiko eingehen.» So habe auch die Schweiz insgesamt weit über vierzig Millionen Impfdosen bestellt – und damit deutlich mehr, als für die doppelte Impfung der gesamten Bevölkerung nötig wäre.

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