Die Tarifverhandlungen für die 5,1 Millionen Beschäftigten im Handel stocken. Die Beschäftigten fordern höhere Löhne, während die Unternehmen Lohnerhöhungen unter der Inflationsrate anbieten und Tarifflucht erleichtern wollen.

Die Lobgesänge aus Politik und Wirtschaft über die systemrelevanten Verkäufer*innen im Einzelhandel wirken kein Jahr später wie Musik aus einem anderen Jahrhundert. Doch von dem letztes Jahr versprochenen Respekt ist genauso viel geblieben wie vom längst verhallten Klatschen. Seit Mai verhandelt die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di über neue Tarifverträge für den Handel. Sie fordern eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent plus 45€ im Monat. Zudem soll das Mindestentgelt auf 12,50 € angehoben werden.

Die Einzelhandels-Konzerne bieten 5,4 Prozent mehr Lohn. Aber verteilt auf drei Jahre, was eine durchschnittliche Lohnsteigerung von 1,8 Prozent pro Jahr ausmachen würde. Die Leistungen der Verkäufer*innen wollen sie mit einer einmaligen Coronaprämie von 300€ “honorieren”. Aber nur für die wenigen Vollzeitbeschäftigen. Der Großteil der Belegschaft verfügen nur über Teilzeitverträge oder gehört zu den 800.000 Mini-Jobber:innen in der Branche und kommen mit ihrem Gehalt nicht über die Runden. Händler:innen, die sich als „Krisenunternehmen“ deklarieren, sollen weder die Prämie zahlen müssen und die Lohnerhöhungen auf einen ihnen genehmen Zeitpunkt verschieben dürfen.

Das Angebot ist eine Beleidigung für die Millionen Verkäufer:innen, die auch in den schärfsten pandemischen Lagen ihre Gesundheit riskieren, um die Versorgung der Bevölkerung sicher zu stellen. Im Mai stieg die Inflationsrate in Deutschland mit 2,5 Prozent auf einen Wert, der seit zehn Jahren nicht mehr erreicht wurde. Davon besonders betroffen: Güter des täglichen Bedarfs, die besonders die Arbeiter:innenhaushalte treffen. Seit dem großen Preissprung zum Jahresbeginn warnen immer mehr Banken und Ökonomen vor den Gefahren einer hohen Inflation. Und in diesen dynamischen Zeiten wollen sich die Handelsverbände mit durchschnittlich 1,8 Prozent Gehaltserhöhung die nächsten drei Jahre Ruhe in den Laden bringen. Das Angebot entspricht also einem Reallohnverlust, der die meist weiblichen und prekär (Teilzeit, Befristung, Mini Job, Auslagerung, etc.) Beschäftigten direkt trifft.

Deshalb ist auch die Wut über das Angebot und die Streikbereitschaft hoch. Doch unterzeichnet ver.di einen Tarifvertrag mit der von der Arbeitgeber:innenseite gewünschten Laufzeit, dürfte die Gewerkschaft in den nächsten drei Jahren nicht mehr streiken. Zuletzt streikten vergangenen Freitag in Berlin und Brandenburg Beschäftigte des Einzelhandels, mit einer „unglaublichen“ Beteiligung, wie ver.di-Sekretärin Conny Weissbach dem Tagesspiegel berichtete. Um die Streikbereitschaft der Beschäftigten zu brechen, empfiehlt der Handelsverband Deutschland (HDE) seinen Mitgliedern eine unkonventionelle Maßnahme: die großem Mitglieder des Verbandes sollen freiwillig die von den Bossen angebotene Lohnerhöhung zahlen.

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