Die katastrophalen Bedingungen zu denen Arbeitende aus Osteuropa in der deutschen Fleischindustrie beschäftigt werden, sind spätestens seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies breit bekannt. Ein Gesetz zum Verbot von Werkverträgen sollte damit Schluss machen. Was hat sich verändert? Eine Reportage.

November 2017, Sozialausschuss im Rat der Stadt Gütersloh. Das Thema: die Arbeits- und Lebenssituation der ausländischen Werkvertragsbeschäftigten. Diese werden in vielen Großbetrieben eingesetzt – in Gütersloh vor allem in der Fleischindustrie. Werkvertragsbeschäftigte werden nicht angestellt, sondern haben stattdessen Arbeitsverträge mit Subunternehmen, die wiederum Werkverträge mit den Industriebetrieben unterhalten. Die Arbeitssituation und insbesondere die psychosozialen Bedingungen sind für viele dieser Beschäftigten und ihre Familien extrem schlecht, berichtete der Vertreter eines Wohlfahrtsverbands.

Zudem brächten Sprachbarrieren viele Schwierigkeiten mit sich. Integration sei faktisch nicht vorhanden, die Situation der Kinder sei aufgrund der Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Eltern teils desolat. Seit acht Jahren wächst in der Stadt die Anzahl der Anwohnerinnen und Anwohner aus Rumänien und Polen um jährlich 300 bis 400 Menschen. Die Zahlen lassen die Ausschussmitglieder aufhorchen. In den Nachbargemeinden ist die gleiche Tendenz zu beobachten.

Arbeitende als »Verbrauchsmaterial«

Der Kreis Gütersloh ist eine Hochburg der Schlachtindustrie. Jede Woche kommen zwei Busladungen voll von Berufsanfängern, größtenteils Menschen aus osteuropäischen Ländern, beim Gesundheitsamt an, um Gesundheitszeugnisse zu beantragen – ein Muss, um in der Lebensmittelindustrie arbeiten zu können. Viele Zugereiste gehen nach wenigen Wochen oder Monaten wieder. Die einen, weil sie der extremen Arbeitsbelastung – dem hohen Tempo und dem enormen Arbeitspensum – nicht standhalten, die anderen, weil sie eine andere Möglichkeit gefunden haben, in Deutschland Geld zu verdienen. Betriebsräte aus der Schlachtindustrie berichten, dass die Zahl der ausgegebenen Werksausweise für neue Beschäftigte jedes Jahr höher liegt als die Gesamtzahl der Belegschaft am Standort. So hoch sei die Fluktuation. Die Branche behandelt Arbeitende aus dem Ausland wie Verbrauchsmaterial, das man bei externen Dienstleistern einkauft und nach Verschleiß austauscht.

So ist es zum Beispiel dem Bulgaren Ivan Damilov (Name geändert) ergangen: Er findet nach 15 Jahren in Griechenland keinen Job mehr und versucht sein Glück in Deutschland. Im Frühjahr 2016 heuert er bei einem Subunternehmen in einem mittelständischem Schlachtbetrieb an. Seine Aufgabe: das Zertrennen von Schweineköpfen mit einer großen elektrischen Säge. Das diktierte Tempo ist nicht zu schaffen. Kaum hat er das eine Tier zerteilt, ist schon das nächste an der Reihe. Hinter ihm steht ein Vorarbeiter, der ihn anbrüllt: Schneller, schneller! So geht das stundenlang. Irgendwann bleibt die Säge in einem Schweinekopf hängen. Damilov will sie herausziehen, fasst die Säge kurz von unten an, um sie hochzuheben, wie er später erzählt. Dabei passiert das Unglück. Die Säge frisst sich durch den Schutzhandschuh und trennt das letzte Glied seines kleinen Fingers fast vollständig ab.

Niemand ruft einen Krankenwagen. Stattdessen schreit ein Vorgesetzter einen Kollegen an, der Damilov zu helfen versucht. Er solle sofort einspringen, damit das Fließband nicht gestoppt werden müsse. Der Finger wird vor Ort notdürftig verbunden und Damilov nach Hause geschickt. Das Wochenende steht vor der Tür, er soll am Montag wieder zur Arbeit kommen, heißt es. Zwei Tage lang hält Damilov die Schmerzen aus. Am Montagmorgen sucht er Hilfe. In einer Apotheke verständigt er sich mit Händen und Füßen. Eine dortige Kundin nimmt sich seiner an und bringt ihn ins Krankenhaus. Damilov wird sofort operiert.

Als er nach einer mehrtägigen Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen wird, muss er feststellen, dass sein Bett in der Arbeiterunterkunft bereits von einem neuen Arbeiter belegt wurde. Er könne nach Bulgarien zurückkehren, wird ihm mündlich mitgeteilt. Völlig überrumpelt versteckt sich Damilov in der Unterkunft seiner Frau und schläft in ihrem Bett, während sie und ihre Zimmerkolleginnen arbeiten.

Mehrere Tage schlägt er sich so durch, bis er von der Beratungsstelle Faire Mobilität erfährt und Kontakt aufnimmt. Mithilfe einer Beraterin gelingt es ihm, sein ausstehendes letztes Monatsgehalt zu erstreiten. Gemeinsam sorgen sie auch dafür, dass der Arbeitsunfall bei der Berufsgenossenschaft gemeldet wird. Das Unternehmen hatte dahingehend bislang nichts unternommen.

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