Endlich wird wieder kollektiv darüber gestritten, wohin wir wollen. Das erste Mal seit langem gibt es eine linke Strategiedebatte oder zumindest Ansätze davon. Dass sich gerade an einem durch und durch staatstragenden Programm wie #ZeroCovid die Debatte entzündet, mag man verteufeln oder nicht, wir suchen es uns schlicht nicht aus. Wir sind froh, dass wieder diskutiert wird und wollen versuchen, auf einiges aufmerksam zu machen, was scheinbar in Vergessenheit geraten ist. Wir wollen nach unserem Beitrag „One Solution! ZeroCovid?“ nun die praktisch-revolutionären Momente einer direkten und solidarischen Praxis herausarbeiten und einen ergänzenden Beitrag zur Debatte leisten: zu solidarischen Beziehungen, die auf ganzer Breite uns gehören, einer Gesellschaft der gegenseitigen Hilfe. Still fighting for revolution!

Ein Einspruch gegen einen „linken“ Lockdown und ein Versuch, dem Anspruch, „alles anders zu machen“ etwas gerechter zu werden. Unser erster Text „One Solution! ZeroCovid?„.

Wir möchten bereits vorhandene, teils sehr simple Praktiken aufgreifen und Perspektiven aus jener Praxis für eine linke Strategie gegen Lockdown und Pandemie entwickeln. Wir wollen aufzeigen, dass jenseits von Staat und Kapital, soziale Fürsorge möglich ist, die sich auf das Prinzip der Selbstorganisation stützt. Diese Selbstorganisation ist die Bedingung der Möglichkeit einer gesellschaftlichen Aushandlung tatsächlich solidarischer Pandemiemaßnahmen. Viele von uns wissen um die Gefahr der Pandemie und überlegen, wie sie sich vor dieser schützen können. Statt politische Programme zu unterzeichnen, denken wir an eine breite Debatte und vor allem Bewegung der solidarischen Lebens- und Beziehungsweisen und einen direkt von unten durchgesetzten Shutdown, ohne Forderungen und Bitten. Wir haben nichts gegen die Expertise von Ärtz:innen und Virolog:innen oder stellen deren Kompetenzen in Frage. Es geht jedoch nicht nur um eine Krise der Pandemie, sondern um krisenhafte Verhältnisse. Es reicht deshalb nicht aus, Virolog:innen oder andere Wissenschaftler:innen zu befragen, sondern die Verhältnisse im Ganzen kritisch in den Blick zu nehmen. Die gesellschaftlichen Bedingungen der Pandemie können wir nicht ausschließlich Expert:innen vermeintlich neutraler Wissenschaften überlassen.

Das Scheitern der solidarischen Nachbarschaften im ersten Lockdown
Im ersten Lockdown gab es eine breite Bewegung an solidarischen Nachbarschaften. Eine Bewegung, die wir im Grunde bis heute gut finden, die wir damals mitgetragen haben, an der wir aber heute auch starke Schwächen feststellen. Neben den üblichen politischen Forderungen und Skandalisierungen betreffend Obdachloser, „häuslicher“ Gewalt, aber auch ganz allgemein der Relevanz der sozialen Klassen während der Pandemie, wurden erfreulicherweise sogar Experimente der direkten gegenseitigen Hilfe gewagt. Vor allem wurde großer Wert darauf gelegt, Einkaufs- und Besorgungshilfen zu organisieren und so Menschen zu ermöglichen, sich dem Infektionsrisiko des Einkaufens zu entziehen. Warum haben wir uns auf das Feld der Besorgungen spezialisiert? Vielleicht weil es naheliegend ist. Vielleicht weil zu Beginn der Pandemie so viel über Risikogruppen geredet wurde.

Die Erfahrungen haben allerdings gezeigt, dass diese Form der Hilfe nicht besonders großen Anklang gefunden hat. Zum einen hat sich gezeigt, dass die Versorgung mit Lebensmitteln nicht zwingend einer solidarischen Vermittlung bedarf (zumindest nicht in den Gegenden, in denen wir Hilfe organisiert haben), da sich Freund:innen und Nachbar:innen schneller und einfacher gegenseitig geholfen haben. Daraus folgt, dass wir zum zweiten denken, dass die solidarischen Nachbarschaftshilfen ein Angebot gemacht haben, dass auf kein allgemeines Bedürfnis geantwortet hat: trotz allem neoliberalen Umbau des Sozialstaates und aller finanziellen Belastung der Einzelnen durch die Pandemie ist die Drohung des Hungerns für viele im ersten Lockdown nur abstrakt gewesen. Für diejenigen, die wirklich unter Hunger oder Geldmangel leiden, konnten keine nennenswerten solidarischen Hilfsangebote geschaffen werden. Hier waren mehr die Tafeln aktiv als nachbarschaftliche Netzwerke. Im besten Fall waren es solidarische Netzwerke, die Tafeln mit Gütern und helfenden Händen unterstützt haben, eine organisierte nachbarschaftliche Versorgung mit Grundgütern wurde nirgends eingerichtet. Dies alles hat unserer Auffassung nach dazu beigetragen, dass sich die Nachbarschaftshilfen so schnell aufgelöst haben wie sie entstanden sind. Auch die zum Teil bestehende bundesweite Vernetzung der Aktivist:innen, ging nach dem Ende des ersten Lockdowns ein. Des Weiteren denken wir ganz banal gesagt, dass die Struktur vieler dieser Nachbarschaftshilfen zu unpolitisch war und sie sich oft als schlichte Dienstleistung verstanden haben. Daher gelang es kaum aus den Netzwerken eine dauerhafte stabile politische Vernetzung gegenseitiger Hilfe entstehen zu lassen oder Ideen der Selbstorganisierung in den Nachbarschaften zu verankern.

Schlussfolgerungen aus dem Scheitern
Aus den Erfahrungen folgt unserer Meinung nach nicht, dass gegenseitige nachbarschaftliche Hilfe als Organisationsform grundsätzlich zu verwerfen ist. Aus der Erfahrung schließen wir aber, dass die Form der Hilfeleistung nicht aus unserer Phantasie über die Bedürfnisse der Bedürftigen entspringen darf, sondern unbedingt von diesen und das sollte auch bedeuten: uns selbst gewählt werden müssen. Bei unseren Bemühungen müssen wir von uns ausgehen. Wir müssen uns fragen, was unsere Bedürfnisse sind und wie wir auch diese in Selbstorganisierung befriedigen können. Selbstorganisierung heißt eben nicht bloß Organisations- und Hilfsangebote für andere zu schaffen. Gleichzeitig dürfen wir bei unseren Überlegungen nicht bei uns stehen bleiben, da wir (wie ein Großteil der „Linken“) selbst einen komfortablen persönlichen Hintergrund haben, der uns etwa keiner Abschiebung oder Massenunterkunft aussetzt; unsere finanziellen Probleme meistens nicht unsere Existenz gefährden und wir ein mehr oder weniger festes soziales Netz um uns herum haben. Wir glauben, dass erst organisierte Solidaritätsnetzwerke die Möglichkeit haben, tatsächlich für jene, die in der gegenwärtigen Pandemie mit deutlich mehr Problemen zu kämpfen haben, konkrete Unterstützung und gegenseitige Hilfe zu organisieren. Ein einfaches Beispiel: wenn wir alle, deren soziale Sicherung trotz Pandemie weitestgehend stabil ist, halb-depressiv und ohnmächtig vor Netflix oder der Bundesliga versauern, werden wir die Energie nicht aufbringen, einen Mietenstreik zu organisieren oder eine stille Besetzung zu supporten. Die Frage darf nicht sein: Willst du, dass wir dieses oder jenes helfen? Sondern: Wie und bei was können wir uns gegenseitig helfen?

Hierzu braucht es eine offene Struktur der selbstorganisierten Hilfe, eine wirkliche Community oder Nachbarschaft, in der die Kommunikationswege für Hilfegesuche immer schon offenstehen und deren Bedürfnisse dadurch erkennbar werden, dass sie von den Leuten selbst artikuliert werden. Wir denken, es wäre notwendig mit Angeboten zu experimentieren, um zu erfahren was angenommen wird und was nicht. Mit Aktionsformen experimentieren bedeutet aus Fehlschlägen und Erfolgen beiderseits zu lernen, aber immer wieder neue kreative Anläufe zu nehmen.

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