Von Gewerkschaftsforum Dortmund

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) berichtet Anfang März 2021, ihr liegen bisher unveröffentliche Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) vor, nach denen Deutschland in der Pandemie Tausende Pflegekräfte verloren hat. Allein zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 ging die Zahl der Pflegebeschäftigten um mehr als 9.000 zurück. Der Rückgang betrifft die Krankenhäuser ebenso wie die Einrichtungen der Altenpflege. Eine Umfrage des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe unter knapp 3.600 Beschäftigten von Ende des Jahres 2020 ergab, dass gut ein Drittel der Pflegekräfte darüber nachdenkt, ihren Beruf den Rücken zu kehren.

Das ist die Folge von immer schlechter gewordenen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen, die viele engagierte Menschen veranlasst, den Beruf zu wechseln und damit den Personalmangel noch weiter vergrößern.

Die Anzahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen bleibt trotz aller Kontakteinschränkungen durch die Regierung auf hohem Niveau. Es ist und war immer zu befürchten, dass die Kapazität der Intensivmedizin nicht mehr ausreichen.

Nach offiziellen Angaben sind in vielen Orten derzeit die Intensivbetten in den Krankenhäusern belegt, der Anteil der Coronavirus-Erkrankten liegt bei rund 30 Prozent. Zwar gibt es noch viele für die Intensivmedizin mit modernsten Mitteln ausgestattete Betten, nicht aber das Fachpersonal für die Intensivpflege, 3.500 bis 4.000 Fachkräfte fehlen bereits. Gleichzeitig haben sich Ende November 2020 etwa 2.800 Fachkräfte in den Krankenhäusern mit Corona angesteckt. Allein in der ersten Dezemberwoche sind 3.500 Infizierte hinzugekommen.

Diese Situation hat dazu geführt, dass sich die Leiharbeit in den Krankenhäusern ausbreitet und bisher Gültiges umkehrt: Mittlerweile wechselt das Stammpersonal zu einer Leiharbeitsfirma, weil es dort höher bezahlt und die Arbeitsbedingungen besser sind. Immer mehr Leiharbeitsagenturen weigern sich, dass ihre Pflegekräfte auf Stationen arbeiten, in denen die Gefahr besteht, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und auch die Leiharbeitskräfte wollen zunehmend von sich aus nicht mehr auf einer Covid-19-Station eingesetzt werden. Neuerdings können die Krankenhäuser die Leiharbeitskräfte gar nicht mehr einplanen, weil diese sich auf dem Pflegemarkt bestimmte Schichten und Stationen aussuchen können und immer öfter kurzfristig ihren Einsatz absagen.

Die Intensivstationen in den Krankenhäusern sind nicht voller als vor der Corona-Pandemie, doch zugenommen hat der Anteil von erkrankten Menschen mit einem positiven PCR-Test und weiter abgenommen hat die Zahl der nutzbaren Betten, in denen die Betroffenen behandelt werden können, weil die spezialisierten Fachkräfte fehlen. Diese Entwicklung ist dem jahrelangen Personalabbau  geschuldet, um die Kliniken markttauglich und rentabel für ihre Betreiber zu machen.

Arbeitsbedingungen verschlechtern sich immer mehr

In den vergangen Jahrzehnten sind die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen immer schlechter geworden und haben viele engagierte Menschen veranlasst, ihrem Beruf den Rücken zu kehren und damit den Personalmangel noch weiter vergrößern.

Die zweite Welle der Corona-Pandemie hatte aber die anstrengende und unsichere Arbeitssituation für die Beschäftigten im Gesundheitswesen auf die Spitze getrieben. Laut aktueller Studie der AOK zählen Pflegekräfte zu den Berufsgruppen, die bis zu dreimal häufiger wegen Covid-19 krankgeschrieben werden als der Durchschnitt der Beschäftigten. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben sich seit Pandemiebeginn bis Ende des Jahres 2020 mehr als 34.760 Menschen angesteckt, die in Kliniken oder Praxen arbeiten. Trotzdem dürfen nach der Ausnahmeregelung des Instituts einige Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen mit einer Corona-Infektion sogar unter den Auflagen der so genannten Arbeitsquarantäne zur Arbeit gehen. Eine Voraussetzung für den Arbeitseinsatz der Erkrankten ist der dokumentierte Personalmangel, der auch ohne Corona in dem Sektor gang und gäbe ist.

Zwischen April und Oktober 2020 sind über 3.500 Krankenhausbeschäftigte aus der Quarantäne zurückgerufen worden, also in einer Phase mit relativ niedriger Infektionszahl.

In vielen privatisierten Kliniken wurden infizierte Beschäftigte ohne Symptome angewiesen weiterzuarbeiten. Mehrere Krankenhäuser verzichten nicht auf medizinisch nicht notwendige Operationen, um das benötigte Personal für die Versorgung der Corona-Kranken zur Verfügung zu stellen, weil die Profitvorgaben der Gesundheitskonzerne eingehalten werden müssen.

Für die Beschäftigten wurden einige Regelungen des Arbeitszeitgesetzes durch die Bundesländer verwässert, so wurde zum zweiten Mal in Niedersachen der 12-Stunden –Tag eingeführt, obwohl allgemein bekannt ist, dass lange Arbeitsschichten zu höheren Sterberaten unter den erkrankten Menschen und zu einer erhöhten Ansteckungsgefahr unter den Beschäftigten führt.

Bei diesen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass die Fachkräfte in andere Berufszweige abwandern, mit der Folge, dass derzeit rund 100.000 Vollzeitstellen allein in der Pflege benötigt werden. Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen ein großes Maß an Flexibilität benötigt und genau hier spielt die Leiharbeit längst eine Schlüsselrolle.

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