Angestellte von Amazon und Aktivisten hoffen auf eine neue Welle von gewerkschaftlichen Aktivismus in den USA

In den letzten Tagen wurde noch einmal um jede Stimme gerungen, mit aggressiver Konzernrhetorik auf der einen Seite und kämpferischer Unterstützung für die Amazon-Arbeiter durch Bernie Sanders und weitere Prominente auf der anderen Seite. Heute geht die seit zwei Monaten andauernde Wahl zur Anerkennung einer Gewerkschaft im Logistikzentrum von Amazon, in Bessemer in Alabama, zu Ende. «Die Geschichte zeigt: Die Reichen geben euch nichts ohne Kampf, ihr seid an vorderster Front, was ihr hier tut, ist historisch», so Sanders.

Wie historisch die gewerkschaftliche Organisation der rund 6000 Lagerhausarbeiter wäre – die meisten von ihnen sind Afroamerikaner – zeigt nicht nur die Tatsache, dass es ein Novum für den Onlinekonzern wäre, der in den USA bisher gewerkschaftsfrei ist, sondern auch eine Berechnung des Wirtschaftsblattes Bloomberg. Sollte die «union election» (zu Deutsch: Gewerkschaftswahl) erfolgreich sein, wäre es der größte politische Gewinn für Gewerkschaften in den USA seit 1991, hat das Wirtschaftsblatt ausgerechnet. Damals stimmten 7000 Arbeiter einer Werft in Maine erfolgreich für eine Gewerkschaftsvertretung. Seither scheiterten Abstimmungen oder umfassten nur deutlich weniger Beschäftigte.

Damit es auch in diesem Fall dazu kommt, versuchte die Amazon PR-Abteilung am Wochenende Verwirrung zu sähen, stellte sich als fortschrittlicher Arbeitgeber dar und polemisierte gegen Sanders. Amazon sei der «Bernie Sanders der Arbeitgeber, aber das stimmt nicht ganz, weil wir tatsächlich liefern und einen Mindestlohn von 15 Dollar, eine Krankenversicherung ab dem ersten Tag, Karriereaussichten und eine sichere und inklusive Arbeitsumgebung bieten», erklärte Dave Clark, Präsident von Amazons Global Consumer Unit, auf Twitter.

Dagegen brach ein Sturm der Entrüstung auf dem Kurznachrichtendienst los. «20.000 Amazon-Mitarbeiter haben sich mit Corona infiziert, ihr habt das vertuscht und dann Whistleblower, die unsichere Arbeitsbedingungen bekannt gemacht haben, gefeuert», schrieb etwa die linke Demokratin Ilhan Omar. Clark polemisierte auch, Sanders habe es nicht einmal in Vermont geschafft, den Mindestlohn auf die von ihm geforderten 15 Dollar zu erhöhen, ließ aber unerwähnt, dass der Konzern dies 2018 auch auf Druck von Sanders selbst – und weil er dank sehr niedriger Arbeitslosigkeit kaum noch Mitarbeiter fand – getan hatte. Beschäftigte vor Ort stellten klar: die angepriesene Krankenversicherung des Konzerns sorgt für hohe Rechnungen und Zuzahlungen durch die Beschäftigten selbst.

Wie stimmen die Jungen und Unentschiedenen ab?

Per Briefwahl hatten viele Beschäftigte in Bessemer schon vor Wochen abgestimmt, ob sie in Zukunft von der Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU) vertreten wollen werden. Dabei war in den letzten Wochen ein bei näherem Hinsehen verständlicher Generationenkonflikt zu Tage getreten. Es waren vor allem ältere Arbeiter wie Daryl Richardson gewesen, die die Kampagne zur gewerkschaftlichen Organisierung angestoßen hatten. Der 51-Jährige hatte zuvor bei einem gewerkschaftlich organisierten Autozulieferer gearbeitet und dort einen höheren Stundenlohn verdient als bei Amazon. Die nur wenige Meilen entfernte Bürgerrechtsstadt Birmingham war vor einigen Jahrzehnten auch eine Stahlstadt – mit Gewerkschaftstradition. Doch darin erinnern sich nur noch die Alten.

Doch viele Beschäftigte, die an den Sortierbändern im Amazon-Lagerhaus in Bessemer stehen, sind junge Afroamerikaner. Was Gewerkschaften tun, haben sie noch nie erlebt. Stattdessen sind die jungen Amazon-Mitarbeiter in Bessemer in einem Staat aufgewachsen, der politisch von Anti-Gewerkschaftspropaganda dominiert ist. Wie anderswo landesweit sind Gewerkschaften in der Erzählung von Republikanern und Unternehmerverbänden in Alabama bestimmt durch korrupte Funktionäre, die das Geld fleißiger Arbeiter einstecken. Mit einer aggressiven Kampagne versucht Amazon vor Ort seit Monaten Arbeiter abzuschrecken, für die Gewerkschaft zu stimmen.

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