Für die linksradikale »Welcome to Hell«-Demo war nach ein paar Metern Schluss. Die Polizei wollte es so. Vorläufige Bilanz eines politischen Abends

»Wir wollen gegen G20 demonstrieren und nicht von Euren Scheißknüppeln verprügelt werden«, ruft ein Mann aus einem der Lautsprecherwagen. »Verpisst Euch aus der Demonstration.«

Es ist kurz nach 20 Uhr - und der linksradikale Protest unter dem Motto »Welcome to hell« ist zu diesem Zeitpunkt praktisch schon zu Ende. Jedenfalls das, was eine große Demo werden sollte. »Wasserwerfer und Tränengas gegen Ausschreitungen bei G20-Protesten«, meldet eine Nachrichtenagentur. So wird man es häufig lesen. Es wird nicht dem entsprechen, was mancher vor Ort erlebt hat.

Die Polizei hatte den Aufzug kurz nach dem Start mit einem enormen Aufgebot an Einsatzkräften blockiert – mehrere Wasserwerfer und Räumpanzer, Dutzende Reihen von Polizisten. Die Straße ist dicht. Die Begründung: Verstoße gegen das Vermummungsverbot. Das Gesetz untersagt in der Tat, »in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, teilzunehmen«. Doch was ist Vermummung? Und wann wird sie verfolgt? Reicht eine Sonnenbrille mit Kapuze? Muss es die berühmt-berüchtigte »Hasskappe« sein?

Ein einzelner Flaschenwurf

Dann eskaliert die Lage. Man kann sagen: Sie wird eskaliert. Eine Stunde nach dem Start meldet die Polizei via Twitter, dass der Anmelder von »Welcome to Hell« die Demonstration soeben für beendet erklärt hat. Das ist noch nicht das Ende des Abends. Aber ein Einschnitt in diese G20-Proteste, der noch zu vielen Debatten führen wird.

Von gewaltbereiten Demonstranten ist zu diesem Zeitpunkt nichts zu sehen. Jedenfalls nichts von Ausschreitungen. Mehrere Kollegen des Senders NDR berichten übereinstimmend, dass von den Demonstranten zunächst keine Gewalt ausgegangen sei. Es heißt, offenbar habe es auch im »schwarzen Block« Ansagen, die Polizei nicht zu bewerfen. Es sollte nicht eskalieren. »Dann gab es offenbar einen einzelnen Flaschenwurf eines anscheinend angetrunkenen Mannes, den Demonstrationsteilnehmer selbst von der Menge isolierten.«

Die Demo, der ein Konzert mit politischen Redebeiträgen voranging, hatte friedlich begonnen. Musik, politische Kritik am Kapitalismus, ein paar radikale Posen, Nachmittagssonne. Als sich der Zug dann unter Führung von einem größeren Block schwarz Gekleideter in Bewegung setzt, ist schon nach wenigen Metern Schluss. Der komplette vordere Teil der Demonstration ist in einer Art Betonkessel gefangen, an den Seiten Mauern, vorn die Polizei und hinten viele Menschen. Die Polizei spricht am frühen Abend zunächst von 12.000 Teilnehmern.

»Spielt die Polizei mit gezinkten Karten?«

Nicht wenige vor Ort sehen in dem Vorgehen der Polizei eine geplante Attacke: Wenn in den vergangenen Tagen die Gefährlichkeit der G20-Proteste an die Wand gemalt wurde, dann meist unter Verweis auf die »Welcome to Hell«-Demonstration. Immer wieder wurde auf die Zahl der anreisenden »gewaltbereiten Linksextremisten« verwiesen, von »schwersten Straftaten«, die verübt werden könnten, war die Rede. Als dann aber die Anmeldebestätigung der Versammlungsbehörde für die Demonstration vorliegt, herrscht Erstaunen: Sie enthält nicht eine einzige Auflage, wie es sonst oft üblich ist.

»Wer die Praxis der Hamburger Versammlungsbehörde kennt, weiß, dass auch ein Bruchteil des angeblich erwarteten Gewaltpotentials üblicherweise ausreicht, eine Demonstration mit telefonbuchdicken Auflagenkatalogen zu versehen und jede Nähe zu sensiblen Orten zu meiden«, heißt es beim Anwaltlichen Notdienst G20. »Spielt die Polizei mit gezinkten Karten?«, fragte sich auch Rechtsanwalt Matthias Wisbar. »Der Subtext der Anmeldebestätigung ist ganz einfach: Ihr werdet den Kundgebungsplatz nie erreichen.«

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