Alte Menschen werden in Deutschland häufig von Arbeiterinnen aus Osteuropa gepflegt. Weil es hier kaum Regulierungen gibt, gehören Lohndumping und 24h-Stunden-Einsätze für sie zum Alltag. Dagegen wehrt sich eine bulgarische Pflegerin mit einer Klage.

Die Geschichte von Frau Aleksewa (Name geändert) ist typisch für viele migrantische Arbeitende aus Osteuropa. Aufgewachsen im sozialistischen Bulgarien, begann sie ihre Karriere bei Balkantourist, der staatlichen Tourismusagentur, die im gesamten Ostblock für ihre Schwarzmeer-Urlaubspakete bekannt war. Nach der Privatisierung in den 1990er Jahren arbeitete sie weiter im Gastgewerbe, musste aber mit zunehmendem Alter feststellen, dass viele Hotels jüngere Angestellte bevorzugten. In der Not sah sie sich gezwungen, schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs anzunehmen, um über die Runden zu kommen.

Ihre ohnehin schon schwierige Lage spitzte sich weiter zu, als Frau Aleksewas Ehemann eine Reihe von Schlaganfällen erlitt. Als sie ihn daraufhin in Vollzeit-ähnlichem Umfang pflegen musste, konnte sie nur noch gelegentlich arbeiten, wenn es sein Gesundheitszustand erlaubte. Das bulgarische Gesundheitssystem hat im EU-Vergleich den zweithöchsten Anteil an Zuzahlungen – so hatte sich das Ehepaar schon bald wegen der Krankenhausrechnungen und Medikamente hoch verschuldet. Schließlich verstarb ihr Mann und sie hatte »alleine hohe Ausgaben und Kredite« zu schultern, wie sie erzählt.

Ihr wurde bewusst, dass sie ihre Schulden mit dem Geld, das sie in Bulgarien verdiente, niemals würde zurückzahlen können. Also begann sie, die örtlichen Zeitung zu durchforsten – in der Hoffnung, dass sie mit den Fremdsprachenkenntnissen, die sie in ihrem früheren Beruf erworben hatte, eine besser bezahlte Stelle im Ausland finden könnte. Sie bewarb sich bei einer Personalagentur, die osteuropäische Fachkräfte für die Altenpflege in Deutschland rekrutierte und verließ ihre Heimat 2013. Doch entgegen ihrer Hoffnungen löste die Arbeit im Ausland ihre finanziellen Probleme nicht, sondern verschlimmerte sie nur noch.

In weniger als zwei Jahren hatte sie als Hauspflegerin für vier verschiedene Familien gearbeitet, Freundschaften mit anderen Pflegekräften geknüpft – und sogar mit den Menschen, die sie betreute. Dennoch fühlte sie sich völlig allein. »Wir schlafen, wo die alten Menschen schlafen, wir essen, wo sie essen. Wir bereiten Essen zu, räumen auf, putzen, waschen, bügeln, wechseln Windeln, verabreichen Medikamente, gehen mit ihnen spazieren und sprechen mit ihnen. Es gibt kein Entkommen.« Zwar hatte Frau Aleksewa einen 30-Stunden-Vertrag, jedoch mussten die Menschen, die sie betreute, rund um die Uhr versorgt werden. Dabei war kaum daran zu denken, sich eine kurze Auszeit zu nehmen, um sich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. Hinzu kam, dass ihr Arbeitgeber nicht bereit war, ihr eine deutsche Krankenversicherung zu bieten – eine Erfahrung, die viele migrantische Arbeitskräfte machen müssen.

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