Sammelklagen gegen kriminelle Unternehmen müssen auch in Deutschland möglich sein! Gerade im Arbeitsrecht.

Wie verkommen muss ein milliardenschwerer Konzern sein, seine Beschäftigten systematisch um Trinkgeld zu betrügen? In den USA stimmte Amazon am 2. Februar 2021 einem Vergleich mit der US-Verbraucherschutzbehörde FTC zu und zahlt 61,7 Mio. US-Dollar an Paket-Fahrer von Amazon Flex zurück.1 Bereits im Jahr 2008 verurteilte eine US-Richterin die Kaffee-Kette Starbucks wegen systematischer Trinkgeld-Unterschlagung zur Zahlung von 100 Mio. USD. Rund 100.000 Beschäftigte sollten aus einem Fonds entschädigt werden, in den Starbucks einzahlt.2

Jahrelanger Betrug beim Trinkgeld. Was ist das für ein Wirtschaftssystem, in dem solche Marken wie Fett auf der Suppe schwimmen? Moment… Es wird doch wohl nicht an Seattle liegen, wo die Firmenzentralen von Amazon und Starbucks sind…? Weht der Geist des Geizes durch die Stadt, in der Grunge-Rock erfunden wurde, wo neben dem Sub-Pop Label (Nirvana, Sonic Youth) auch Microsoft (Bill Gates) sitzt?

Der kleine Staat Washington im Nordwesten der USA erhebt zwar keine Unternehmenssteuern, gilt aber nicht als ausgewiesene Steueroase wie Delaware. Die Donald-Duck-Mentalität, auch Pfennigbeträge nicht gering zu schätzen, dürfte Jeff Bezos von der Wall Street mitgebracht haben. Bevor er Amazon gründete war er stellvertretender Chef des Hedgefonds D. E. Shaw & Co. Auch globale Consulting-Firmen und Rechnungsprüfer helfen gegen üppige Stundensätze gerne bei der optimalen (und nicht immer ganz legalen) Auspressung derer, die ganz unten in der Nahrungskette stehen.

Die Erschaffung eines digitalen Sub-Proletariats

Im konkreten Fall baut Amazon Flex einen Lieferdienst nach dem Vorbild von Uber auf. Privatleute können sich dort einloggen und fahren. Ihnen wurden 18-25 Dollar Stundenlohn versprochen.3 Die Amazon-PR rühmt sich auch noch, die höchsten Stundenlöhne aller Liefedienste zu zahlen. Aber: Wenn die Fahrer ihr Stundensoll nicht geschafft hatten, wurde mit dem Trinkgeld aufgefüllt, dass die Kunden online vergeben können.

Die US-Verbraucherschutzbehörde schaltete sich vermutlich ein, weil Amazon auch die Kunden betrogen und missbraucht hat, die in gutem Glauben einen Teil der garantierten Lohnkosten übernahmen, obwohl sie den Boten doch ein Extra zukommen lassen wollten.

Was die Amazon-PR komplett unterschlägt: Die 25 Euro Stundenlohn, mit denen Amazon Flex in Deutschland wirbt, sind Augenwischerei. Die selbständigen Flex-Fahrer verursachen keinerlei Lohnnebenkosten, Amazon hat keinerlei Fürsorgepflicht. Rechnet man Versicherungen (Krankheit, Rente, Unfall), Fahrzeugkosten, Reparaturen, heraus, ergibt sich höchstwahrscheinlich nur ein Hungerlohn. Oder ein digitales Sub-Proletariat ohne Kranken- und Rentenversicherung.

Mehr lesen (arbeitsunrecht.de)