„Die meiste Zeit unseres Lebens müssen wir arbeiten. Unsere Bemühungen, Zeit, Ideen, Erfolge und Misserfolge werden in Rubel, Dollar und Euro gepresst – unpersönliche Geldscheine, die ständig fehlen, um unsere Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Typischerweise ist die Arbeit gespickt mit Lohnverzögerungen, Machenschaften der Bossen, Nervosität und Demütigung durch beknackte Regeln und Chefs, die mit uns spielen.“

So beginnt antijob.net, das erfolgreichste anarchistische Projekt aus Russland, sein Manifest. Es ist eine Website, auf der Arbeiter:innen ihre (Ex-)Chefs bewerten können und sich so gegenseitig helfen, den Job zu finden, der weniger scheiße ist. Die AGA hat ein Interview mit dem Team dahinter geführt um mehr über das Projekt sowie der anarchistischen Bewegung in Russland zu erfahren.

Erzählt uns etwas über das Projekt, seine Geschichte und seine Mission. Warum habt ihr dieses Format gewählt?

Das Projekt begann in den frühen 2000er Jahren. Mehr als 20 Jahre sind seit der ersten Version der Seite vergangen. Sie entstand in einem radikal-anarchistischen Umfeld und war für junge Menschen gedacht, die gerade ihren Universitätsabschluss gemacht hatten, aber statt Respekt für den Beruf, Ausbeutung und Täuschung auf dem Arbeitsmarkt vorfanden. Diese waren zu dieser Zeit die Hauptnutzer:innen des Internets in Russland.

Die Ästhetik der Seite, der Name und die Herangehensweise sind als Scherz gegenüber dem Portal Job.ru, dem damals größten Jobsuchdienst, gedacht. Es schuf die Illusion einer stabilen Zukunft, alles wie immer – glückliche Menschen in Bürokleidung, die ihren Karrierewünschen nachgehen und eine Art amerikanisch-russischen Mittelklassetraum anstreben. In der Praxis gibt es für die meisten, die in Russland Arbeit suchen, keine glänzenden Aussichten und Karrierewünsche. Und wenn doch, dann werden sie schnell von der Realität in die Schranken gewiesen.

Die Realität kann verändert werden, aber das können nur die Arbeiter:innen selbst tun, wenn sie ihre Position verstehen und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen wollen. Die Mission unseres Kollektivs ist es, die „direkte Aktion“ bei der Lösung von Arbeitskonflikten zu fördern und einen Ort für die Koordination der Kräfte im Klassenkampf zu schaffen, im Gegensatz zum juristisch-bürokratischen System, das in Wirklichkeit im Interesse unserer Klassenfeinde handelt. Um dies zu tun, sammeln und verbreiten wir Feedback, das die Stimme der Arbeiter:innen selbst ist. Daraus bilden wir eine Datenbank – die „Schwarze Liste der Arbeitgeber:innen“, und die Indizierungsmechanismen des Internets helfen, sie zu verbreiten.

Erzählt uns etwas über das Team hinter dem Projekt.

Das Team hat sich im Laufe der Jahre fast komplett verändert, aber der Geist des Anarchismus, der Selbstorganisation, des revolutionären Geistes sind erhalten geblieben. Wenn auch weniger stark als früher. Heute propagieren wir nicht mehr die „radikale Faulheit“ als Konzept und den Diebstahl des Eigentums eines Arbeitgebers als Methode. Aber wir sprechen jetzt mehr über den gewerkschaftlichen Kampf und direkte, akute, Konflikte zwischen Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen.

Zum größten Teil kommen wir alle aus einem anarchistischen Umfeld, verschiedenen politischen Projekten oder radikalen politischen Musikszenen. Einige der Teilnehmenden sind über dreißig, einige haben bereits Kinder, wir sind gesetzter, etwas zynisch, aber wir glauben immer noch an die Werte der Freiheit, der Solidarität, daran, dass Menschen sich selbst organisieren können, Schlüsse aus Erfahrungen ziehen und bessere Arten des Miteinanders und der Wirtschaft schaffen können. Nun, dass wir eines Tages in der Lage sein werden, den Kapitalismus, den Staat, Hierarchien und all diesen rückschrittlichen Unsinn zu besiegen.

Erzählt uns etwas über die Besonderheiten der Situation der Arbeiter:innen in Russland und der Ex-UdSSR. Was sind die Gesetze und die Praxis ihrer Anwendung?

Das Spezifische an Russland ist, dass eine ziemlich große Schicht von Gesetzen und Normen aus den Zeiten der UdSSR übrig geblieben ist, die der Staat selektiv anwendet. Einige Gesetze sehen auf dem Papier fortschrittlicher aus als in vielen anderen Ländern, aber sie funktionieren immer noch auf der Grundlage des politischen Willens – je nachdem, wie und wann die Machthabenden es wollen. Wenn die aktuelle Politik die Wirtschaft fördern soll, dann werden die Arbeitnehmer:innen vor Gericht verlieren und sie werden bei Verstößen gegen das Arbeitsrecht ein Auge zudrücken, aber wenn es notwendig ist, die „breite Masse“ zu schmieren, dann werden die Arbeitgeber:innen aufs Kreuz gelegt. Generell liegen die Hebel der Einflussnahme irgendwo im Himmel.

Es gibt Gewerkschaften in Russland, aber meist gelbe. Die größte von ihnen ist die FPNR. Diese Gewerkschaft ist politisch mit der aktuellen Regierung verbandelt und agiert als Arbeitsregulator auf Wunsch der Spitze. Sie verfügt über beträchtliche Ressourcen an Eigentum und politischem Einfluss, was auf der Ebene der „Dienstleistung“, wie Geschenke und Gutscheine, erlaubt, einige Erfolge zu erzielen und manchmal sogar einige allgemein nützliche, wenn auch mikroskopisch kleine Gesetzesinitiativen durchzuführen. Wie alle gelben Organisationen kann auch dieser Verband nicht als „reformistisch“ bezeichnet werden, da er kein Reformziel verfolgt.

Alternative Gewerkschaften werden hauptsächlich von Novoprofs und KTR vertreten, das sind eher Arbeiterorganisationen, die Einfluss haben. Die Zellen führen eine soziale Agenda aus und haben im Allgemeinen eine starke linke Konnotation. Sie sind nicht so radikal und nutzen ein breites Spektrum an Methoden, von Streiks bis hin zur Teilnahme an einer dreigliedrigen Kommission (Arbeitgeber:innen, Gewerkschaften, Regierungsbeamt:innen), die sich auf arbeitsrechtliche Änderungen einigen. Die Gewerkschaften, mit denen wir arbeiten, gehören oft zu diesen Verbänden.

Es gibt fast keine radikalen Gewerkschaften, in gewissem Maße kann man als solche den kürzlich erschienenen Courier bezeichnen, dessen organisatorische Zusammensetzung von links kommt und dem libertären Umfeld nahe steht. Nun sind sie auch in der KTR und schaffen es mit dem Thema Plattformkapitalismus und Coronavirus, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen.

Die Arbeitsfragen in Russland sind akut, die letzte Reform des Rentenalters hat tausende Menschen in hunderten von Städten zu Massenaktionen mobilisiert, eine Welle der Empörung ausgelöst, aber zu nichts geführt. Wir haben die Parole eines Generalstreiks ausgegeben, der eindeutig „von unten“ unterstützt wurde, aber von den Gewerkschaften pessimistisch eingeschätzt wurde. In der Folge wurde das Gesetz mit minimalen Änderungen verabschiedet. Im Moment gibt es in Russland keine Kultur des radikalen Arbeiterprotests, aber wir können nicht ausschließen, dass daraus früher oder später etwas viel Radikaleres entstehen wird als eine Reihe von Kundgebungen.

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