Vom 31. Oktober bis 3. November 2019 fand an der Uni Hamburg der fünfte Kongress „Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaft“ statt. Vier Tage Anarchie an der Elbe. (GWR-Red.)

Ein Ort wie Hamburg ist für Wissens- und Erfahrungsweitergabe ein unverzichtbarer Impuls. So wie die Geschichtsvergessenheit von vielen Linken und Libertären auf dem Kongress „Perspektiven auf Wissenschaft“ zu Recht beklagt wurde, so war gerade dieses Treffen in vielfacher Hinsicht eine Möglichkeit, dieser Geschichte und den daraus ableitbaren Konsequenzen Rechnung zu tragen. In den Vorträgen und Workshops kam es zu diesem Austausch, der im Alltag und an der alltäglichen Uni so oft fehlt.

„Radikale Bildungskurse: Anarchistische Bildung selbst machen“ – Schwarze Ruhr Uni Bochum

Im Workshop der Schwarzen Ruhr Uni wurde erörtert und aufgezeigt wie autonome Seminare und selbstbestimmtes Lernen an der Uni und außerhalb von ihr selbst organisiert werden können. Der strukturierte Vortrag mit ein paar Übungen, gab den Anwesenden, meist jungen Leuten, aber auch einigen älteren, eine nachvollziehbare Handhabe, wie emanzipatives Lernen aussehen könnte, das mensch nicht aus der Hand gibt, sondern selbst entwickelt. Zwar gab es das auch schon in den 1980er und 90er Jahren an den Unis, aber das verlorene Wissen darum muss wohl immer wieder neu und erneuert wiederentdeckt werden. Dass Lust und Lernen nahe beieinander liegen, bewies nicht nur der Vortrag des Genossen der Schwarzen Ruhr Uni, der erzählte, dass ihr Beziehungsworkshop bisher der erfolgreichste sei, sondern auch der Workshop zu Musik und Anarchismus, der auch am Samstag stattfand (siehe unten).

Mujeres Libres – Libertäre Kämpferinnen

In Vera Bianchis Vortrag und Workshop am Freitag zu den Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg zeigte sich, wie wichtig die Weitergabe und Wiederentdeckung geschichtlicher Fakten und Erfahrungen aus der anarchistischen Bewegung ist. In einer seit Jahrhunderten römisch‑katholisch verseuchten Kolonialmacht Spanien mit Inquisition, totalitärer Adelsherrschaft und kirchlichem Feudaleigentum, war die Emanzipation der Frauen der vielleicht wichtigste Akt der Sozialen Revolution 1936. Zwar zeigte sich, dass auch die revolutionär in Bewegung geratenen Massen noch von Machismo und patriarchalem Denken durchtränkt waren, aber die Öffnung der Gesellschaft bot die Möglichkeit zu revolutionärer Emanzipation. Diese wurde durch die Nutzung der modernen Massenkommunikation über Buch, Zeitschrift, Plakat, Radio und Film zu einem Sprengsatz unter der Predigtkanzel und gegen den angreifenden Klerikalfaschismus. Vieles davon mutet auch heute noch hochmodern an und wirkt hinein in unsere Zeit (vgl. Interview mit Vera Bianchi in GWR 442). Der „Syndikalistische Frauenbund“ in der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), über den Vera Bianchi aktuell forscht, nimmt sich dagegen recht handzahm aus und kam auch quantitativ bei weitem nicht an die Mujeres Libres heran.

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