Das Viertel Exarchia in Athen, Griechenland, ist weltweit als Epizentrum des kämpferischen Anarchismus bekannt. Seit vielen Jahren besetzen Anarchist*innen und Geflüchtete zusammen Häuser, gründen Wohngemeinschaften und bauen soziale Zentren auf, die eine Vielzahl von soziale Leistungen außerhalb der Kontrolle des Staates erbringen. Seit August hat die neue Regierung eine Reihe von massiven Razzien gegen Migrant*innen, Anarchist*innen und andere Rebell*innen durchgeführt, zuvor hatte sie das Universitätsasyl aufgehoben und eine breite Palette neuer repressiver Maßnahmen und Technologien eingeführt. Jetzt hat die Regierung allen verbleibenden Besetzungen in Griechenland zwei Wochen Zeit gegeben, um Mietverträge mit den Eigentümern abzuschließen oder das gleiche Schicksal zu erleiden. Diese Frist fällt mit dem 6. Dezember zusammen, einem Tag, den Anarchist*innen seit zehn Jahren als Jahrestag der Ermordung des 15-jährigen Alexis Grigoropoulos durch die Polizei und des darauf folgenden Aufstands begehen.

Die neue Regierungspartei Griechenlands, passender Weise Neue Demokratie genannt, wird von einigen Medien als „Mitte Rechts“ im Gegensatz zu völlig faschistischen Parteien wie der Goldenen Morgendämmerung bezeichnet; tatsächlich hat die Neue Demokratie einen Großteil ihrer repressiven und fremdenfeindlichen Agenda direkt von der faschistischen Rechten übernommen, während sie eine neoliberale Agenda zugunsten des internationalen Finanzkapitals verfolgt. Premierminister Kyriakos Mytsotakis, ein angestammter Repäsentant der kapitalistischen Klasse, dessen Vater schon Premierminister war, steht exemplarisch für eine politische Kaste, die versucht, die letzten Garantien zum Schutz der Arbeiter*innen und Armen zu zerstören und gleichzeitig diejenigen, die sich widersetzen, zum Sündenbock zu machen.

Im folgenden Interview beschreibt ein Anarchist in Athen die sich abzeichnende Repression der Regierung und untersucht die Herausforderungen des Kampfes. Dies ist nichts Geringeres als ein Versuch, die Geschichte der Widerstandsbewegungen in Griechenland und auf der ganzen Welt zu löschen und neu zu schreiben – so dass die Daten 17. November und 6. Dezember, an denen die Demonstrant*innen den von der Polizei Ermordeten gedacht haben, stattdessen den Triumph der Unterdrückung markieren -, so dass der Name Black Panthers nicht mehr an die schwarze Organisation zur Selbstverteidigung erinnert, sondern an die Schwarzhemden der Neuen Polizei, die in den U-Bahnen und Touristengebieten patrouillieren. Die griechische Polizei imitiert Demonstranten auf der ganzen Welt und terrorisiert Leute in der Exarchia, indem sie sie mit Laserpointern blendet. All dies unterstreicht das Ausmaß, in dem die Fassade bröckelt: Von Chile bis Hong Kong bricht ein offener Krieg aus, zwischen denen, die regieren wollen, und denen, die nach Freiheit streben.

Wir haben diese Welle der Reaktion erwartet, seit die linke Partei Syriza 2015 an die Macht kam. Ähnliches geschah vor nicht allzu langer Zeit in Brasilien: Die Arbeiterpartei (PT) behielt jahrelang die Macht, indem sie kleine Sozialreformen einleitete, eine neoliberale Agenda verfolgte und gegen die sozialen Bewegungen vorging, und so schließlich die Bedingungen zu schaffen, unter denen die extreme Rechte die Regierung ergreifen und sich an der Bevölkerung rächen konnte, bis hin zum Wahlsieg von Jair Bolsonaro. Während einige Linke dies als Grund sehen, den linken Parteien gegenüber loyal zu bleiben, egal was sie tun, sehen wir in den Ereignissen in Brasilien und Griechenland eine Erinnerung daran, dass keine Wahl eine kollektive horizontale Organisation ersetzen kann, die uns eines Tages in die Lage versetzen könnte, dem Staat entgegenzutreten.

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