Das von besetzten sozialen Zentren geprägte Viertel Exarchia in Athen, Griechenland, ist seit langem ein wichtiger Bezugspunkt für autonome Bewegungen auf der ganzen Welt. Die neue rechte Regierung, die in Griechenland an die Macht gekommen ist, hat angekündigt, dieses Experiment an Inklusivität und Selbstbestimmung zu zerschlagen. Am 26. August wurden bei massiven Polizeirazzien vier Besetzungen geräumt, darunter einige für Geflüchtete, von denen viele in Flüchtlingslager geschickt wurden. In diesem Moment umzingelt die Bereitschaftspolizei Exarchia und bereitet ihre nächsten Angriffe vor. Als Reaktion darauf wurden Demonstrationen für den 31. August und den 14. September anberaumt. Wir haben ein*e Bewohner*in Exarchias zum Kontext dieses neuen Kampfkapitels und zu den Perspektiven für diejenigen befragt, die eine Welt ohne Kapitalismus oder staatliche Unterdrückung suchen.

Im Januar 2015, als die globale Welle rechter Wahlsiege an Fahrt aufnahm, gewann die neue linke Partei Syriza die griechischen Wahlen. Damals weckte dies viel Begeisterung bei Linken und Sozialist*innen in Griechenland und anderswo auf der Welt; dennoch argumentierten wir, dass Syriza Bewegungen von der Straße holen, die Institutionen des Staates wieder legitimieren würde, ohne ihren im Wesentlichen repressiven Charakter zu ändern, und letztlich die Folgen des Kapitalismus nicht angehen würde, indem es die griechischen Wähler*innen nach rechts polarisierte. Wie von uns erwartet, hat Syriza ihre Versprechen, Griechenland vor den von der Europäischen Union geforderten Sparmaßnahmen zu schützen, nicht eingehalten. Stattdessen haben sie selbst Sparmaßnahmen ergriffen, Griechenland weiter polarisiert und bestätigt, dass es keine tragfähige Wahllösung für die vom Kapitalismus verursachten Krisen gibt.

So gewann im Juli 2019 die langjährige rechte Partei Neue Demokratie mit klarer Mehrheit die nationalen Wahlen. Einige Medienjournalist*innen feierten den Sieg der Neuen Demokratie als Rückkehr zum Business as usual, als Ablehnung des vermeintlichen “Extremismus” sowohl von Syriza als auch der faschistischen Golden Dawn Partei. Aber der Sieg der Neuen Demokratie ist auch ein Sieg für die extreme Rechte, die gesehen hat, wie ihre rassistische, nationalistische Agenda zum Mainstream wurde. Sie übernahmen ihr Amt mit der Absicht, Migrant*innen und Anarchist*innen für das Versagen des neoliberalen Kapitalismus und den Verrat linker Politiker*innen zum Sündenbock zu machen. Sie nutzen die Sommerferien um zuzuschlagen und haben bereits damit begonnen, anarchistische soziale Zentren und selbstorganisierte Geflüchtetenunterkünfte in Athen gewaltsam zu räumen und allen, die ihrer repressiven Vision von Ordnung im Wege stehen, offen den Krieg zu erklären.

Wir führten das folgende Interview mit einem/einer anonymen in Exarchia lebenden Anarchist*in, nachdem es in den frühen Morgenstunden des 28. August zu einem kleinen Aufruhr gekommen war.

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