Ein Reisebericht

Dr. Michael Wilk, Notarzt und Psychotherapeut, reist seit 2014 regelmäßig nach Rojava/Nordsyrien. Er unterstützt dort den Kurdischen Roten Halbmond Heyva sor a kurd, der ein wesentliches Element der Gesundheitsversorgung in der Region darstellt. Hsak betreibt Ambulanzen und Apotheken, unterstützt Krankenhäuser, versorgt die Bevölkerung in Kampfgebieten und stellt die medizinische Hilfe in Flüchtlingslagern sicher. Bei seinem vorletzten Aufenthalt war Michael Wilk in Rakka, wo er als Notfallmediziner Verletzte versorgte und HelferInnen von Hsak ausbildete. Im März 2018 reiste er erneut in den Irak und Syrien. Über das Sinjar-Gebiet, wo er die Hilfsorganisation Hoffnungsschimmer in medizinische Fragen bei der Unterstützung jesidischer Projekte beriet, fuhr er weiter nach Rojava und von hier mit einem Hilfskonvoi in die Region Afrin/Schahba.

Bagdad, Sinjar, März 2018

Nach sechsstündiger Fahrt von Bagdad über zum Teil zerstörte Straßen und nach dem Passieren unzähliger Kontrollpunkte, erreichen wir Mosul. Zerbombte Häuser und Straßenzüge zeichnen die vormalige Millionenstadt. Zwei weitere Stunden bis Khanasur. Früher lebten hier 45.000 Menschen - bis zum 3. August 2014, als der IS über die Jesiden in der Region Schengal/Sinjar herfiel. Die Peschmerga, für die militärische Verteidigung im kurdischen Teil des Iraks zuständig, flohen und überließen die Menschen dem IS, der mordete, vergewaltigte und versklavte. Heute leben in der Stadt nur noch 3.000 Menschen. Der Genozid an den Jesiden forderte abertausende Opfer, die Schätzungen der entführten und versklavten Frauen und Kinder belaufen sich auf über 10.000, viele Menschen überlebten nur, weil sie sich, ums nackte Leben rennend, in die nahen Berge retteten. Wir stoßen auf Menschen, deren Erzählungen mit erschreckender Deutlichkeit klarmachen, dass die erlittenen Ängste und Qualen, nicht mit der Befreiung vom IS endeten. Syrische YPG- und türkische PKK-Einheiten vertrieben im Mai 2017 den IS, aber die seelischen Verletzungen blieben, ebenso wie die grauenhafte Ungewissheit über den Verbleib tausender Frauen und Kinder.

Beim Besuch der kleinen Klinik, betrieben von der regionalen Selbstverwaltung der jesidischen Kurden der Region, sprechen wir mit dem anwesenden gynäkologischen Kollegen und der Allgemeinärztin. Über sechzig Kranke pro Tag suchen um Hilfe nach, die einzige öffentliche Anlaufstelle der Region ist mehr schlecht als recht ausgestattet. Es existiert kein Röntgengerät, ebenso wenig wie ein OP, alle schwerer Erkrankten müssen über eineinhalb Stunden ins nächste Krankenhaus transportiert werden. Eine psychologische Hilfe für die traumatisierten Menschen gibt es nicht, so die Ärztin. Die KollegInnen und die Mitglieder der jesidischen Selbstverwaltung fühlen sich im Stich gelassen, vergessen von den Mächtigen der Politik. Bagdad ist weit und toleriert gerade mal so die Selbstverwaltungsstrukturen, die sich an das Gesellschaftsmodell Rojavas in Nordsyrien anlehnen. Um die Ausdehnung der jesidischen-kurdischen Autonomie zu begrenzen, verlegte die Regierung nach dem unrühmlichen Abzug der Peschmerga, schiitische Milizsoldaten in das Gebiet. Von weiterer materieller Unterstützung jedoch keine Spur, Sinjar-Stadt, die ehemals größte Ansiedlung der Region, liegt zu großen Teilen in Trümmern. Wir besuchen eine Schule, zerbrochene Fenster durch die der Wind pfeift, während sich frisch ausgebildete LehrerInnen um Unterricht bemühen.

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